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Was sprang und sang 2020 in Wien?

in Beobachtungen in Österreich 11.01.2021 00:11
von Lorin • 118 Beiträge

Hallo zusammen,

gerne will ich auch einen Beitrag leisten, in dieser stillen, heuschreckenlosen Zeit das Forum etwas zu beleben und einen Blick zurück auf das vergangene Jahr werfen – aus persönlicher Wien-Perspektive.

Das Jahr stand ganz im Zeichen der lange erwarteten Veröffentlichung des Heuschreckenatlas Wiens - er ist großartig geworden! Doch schnell zeigte sich, dass ein solches Werk nur eine Momentaufnahme sein kann, wie der Fund von Xya variegata im Kuchelauer Hafen zeigte. Glücklicherweise stimmt zumindest die Verbreitungskarte noch, da auf der gegenüberliegenden Donauinsel im gleichen Rasterfeld Günther drei Jahre zuvor der bis dahin dritte Nachweis auf Stadtgebiet geglückt ist. Die Fläche bleibt hoffentlich noch eine Weile bestehen, beherbergt sie doch auch ein Vorkommen von Cylindera arenaria viennensis, und daneben bestimmt auch interessante Hymenopteren und andere Insekten.

Mitte Juni hat der Tag der Artenvielfalt im Pötzleinsdorfer Schlosspark stattgefunden. Bei wetter- und coronabedingt geringer Beteiligung konnten dennoch an einem Samstag (der Sonntag viel komplett ins Wasser) auf relativ kleinem Gebiet für mindestens 12 Arten neue Rasterfelder befüllt werden – auch ein neuer Ameisengrillen-Fund war darunter.

Dem wohl einzigen rezenten Vorkommen von Ephippiger in Wien (19. Bezirk im Mukental) scheint es recht gut zu gehen. Seit Jahren finden, vom Biosphärenpark organisiert, dort auf einer Weingartenbrache Anfang Oktober Pflegemaßnahmen statt. Waren in den letzten Jahren (bei stets sonnig-warmem Wetter) immer nur einzelne Männchen zu hören, war diesmal die ganze Wiese erfüllt von ihrem Gesang - meine Schätzung von 20 Männchen ist wohl noch zu niedrig gegriffen. Auch auf Nachbarflächen hat sich die Art mittlerweile ausgebreitet. Zudem konnte ich dort endlich mal eine absolute Wunschart von mir finden, gleich vier Männchen von Eresus kollari liefen auf einer Fläche von 1-2 Quadratmetern umher.



Auch in urbanerem Milieu gibt’s interessante Funde: An einem ungemähten Abschnitt des Margaretengürtels waren mehrere Individuen von Roeseliana roeseli deutlich aus dem Verkehrslärm herauszuhören, diese generell sehr häufige Art dringt kaum in die innerstädtischen Bereiche vor. Und Eumodicogryllus ist sowieso beständig entlang der Bahngleise auf dem Vormarsch und gehört mittlerweile zur gewohnten Geräuschkulisse einiger Bahnhöfe und U-Bahnstationen.

Seit 2018 befindet sich vor meiner Wohnung, im relativ dicht verbauten Kreuzgassenviertel, eine Baulücke - und da der geplante Baubeginn mehrmals verschoben wurde, konnte sich dort eine nette Stadtwildnis entwickeln.




In den drei Jahren seit meinem Einzug haben 16 Arten den Weg in den Garten bzw auf die Baubrache gefunden. Und teilweise auch in meine Wohnung



Bis zuletzt hatte ich noch auf Oedipoda, Sphingonotus oder Aiolopus gehofft, doch daraus wird's wohl nix mehr, im November sind die Bagger angerückt und das kleine Paradies ist nun Geschichte.

Enden möchte ich mit meinem persönlichen Highlight: An der S-Bahnstrecke S45 nähe Gersthof konnte ich Anfang September vier singende Männchen von Eupholidoptera (cf.) schmidti hören, trotz mehrmaliger und intensiver Nachsuche war in dem dichten Waldreben-Dschungel ein visueller Nachweis nicht von Erfolg gekrönt (die Viecher sind aber auch verdammt schwer zu orten, auch wenn sie einem fast schon ins Ohr schreien...). Bis Monatsmitte waren sie noch gut zu hören. Mal sehen ob die Population nächstes Jahr noch existiert bzw. ob sie sich ausbreiten wird.

Es bleibt auf jeden Fall weiterhin eine sehr spannende Tiergruppe und ich freue mich schon wieder auf die ersten jungen Hüpfer des Jahres!

Guten Start ins neue Jahr euch allen,
liebe Grüße
Lorin

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#2

RE: Was sprang und sang 2020 in Wien?

in Beobachtungen in Österreich 26.03.2021 13:14
von Thomas Z-K • 727 Beiträge

Lieber Lorin!
Vielen Dank für Deinen schönen und fröhlichen Jahresrückblick! Vor allem die positiven Aussichten der Sattelschrecken-Population freuen mich, hatte ich dort doch vor nun schon über 30 Jahren meine ersten gefunden, ein orthopterologisches Highlight für einen Jungstudenten.
Thomas

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