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RE: Chorthippus eisentrauti nördlich der Salza?
in Bestimmungsfragen 29.08.2025 08:08von WSW • 1.060 Beiträge
Stimmt nicht ganz, denn mehrfache Gesangs-Verse in einer Strophe habe ich weder in situ noch unter - für die Tiere sehr schlechten - Laborbedingungen gehört. Was wieder durch die Kürze und gleichartige Länge der gehörten Verse irgendwie aufgehoben wurde.
Und der erhoffte Unterschied im Präcostalfeld hat sich nach Ansehen verschiedenster Tiere hier im Heuschreckenforum auch wieder in Luft aufgelöst. Das Praecostalfeld ist bei beiden Arten durchaus variabel ausgebildet.
Ich habe auch viele Beiträge nachgelesen und konnte z.B. sehen, dass Toni schon festgestellt hat, dass seine eisentrauti im Hochschwab- und Kaiserschildgebiet ebenfalls im Durchschnitt nicht so bunt, wie für eisentrauti zu erwarten, waren. Klar, da hat er es mit denselben nordostalpinen Populationen wie ich zu tun gehabt. Meine Tiere in der Karlschütt (an der Straße zum Bodenbauer, gegenüber auf der S-Seite des Hochschwabs), worunter dieses ganz rote ♂ war, hatten keinen Knick im Radius (= ganz gleichmäßig auseinanderlaufendes Subcostalfeld) und auch ziemlich kurze Strophen mit eher wenig Wiederholungen.
Die Gesamtheit der verschiedenen Merkmale aus Ökologie, Morphologie und Gesang spricht halt schon klar für eisentrauti und nicht für biguttulus. Aber wenn jemand ein Haar in der Suppe finden will, kann er das weiterhin tun.
VG Wolfgang
RE: Chorthippus eisentrauti nördlich der Salza?
in Bestimmungsfragen 03.08.2026 23:38von WSW • 1.060 Beiträge
Heute habe ich es trotz der enormen Hitze noch einmal geschafft, eine Salzatalrunde zu absolvieren.
Erster Zwischenstopp war am Grubberg zwischen Gaming und Lunz. Wie befürchtet, war im Gegensatz zum Vorjahr nicht ein einziger Kranzenzian zu entdecken. Die Flächen sind komplett verdorrt. Wie das jetzt weitergeht, ob der Kranzenzian als 2-jährige Pflanze nun ausstirbt und der Kranzenzianbläuling gleich mit ihm, ist momentan unklar. So eine Situation hat es wohl bisher noch nie gegeben.
2. Station Neuhaus am Zellerrain mit Marsch zum Rotmösel. Das im Nadelwald verborgene Moor erreicht man nach etwa 3 km Anmarsch. Hier dasselbe Bild: Die einzige Schlenke, in der noch Aeshniden schlüpfen, ist zur Hälfte ausgetrocknet. Im Restwasser sind heute sogar einige Aeshnas geschlüpft. Alle Exuvien betrafen Aeshna juncea, Aeshna subarctica war keine dabei. Diese schlüpfen sehr kompakt und deutlich reduziert großteils bereits im Juni. Wenn es in dieser Tonart weitergeht, werden wir uns schon in den nächsten Jahren von A. subarctica verabschieden müssen. Die Folgen des Klimawandels sind viel fataler, als manche sich jetzt noch vorstellen können...
Hier gab es aber eine Heuschreckenüberraschung. Während ich die wenigen Imagines guckerte, um zu schauen, ob überhaupt noch subarcticas fliegen, höre ich plötzlich ein Geräusch, das ich schon lange Jahre nicht mehr gehört habe. Den Schienenschleuderzick der Sumpfschrecke! Ich suchte ein wenig herum und tatsächlich: 1 ♂ konnnte ich finden:
Ein Erstnachweis für dieses kleine Moor in über 1100m Seehöhe, umgeben von Gebirgsnadelwald.
Dann weiter ins Salzatal. Beim Rotmoos in Weichselboden, früher ein klassischer subarctica-Fundpunkt, eine einzige Exuvie, und auch die war schon überraschend. In der Hitze des Talbodens hat die Art keine Chance mehr und es fliegen auch überhaupt keine Libellen mehr am Moor.
Nicht weit davon entfernt erheben sich steile Felswände als Talbegrenzung. An deren Fuß gibt es eine Reihe von steilen Schuttkegeln. Man folgt einem Forstweg neben dem Rotmoosbach, und dann heißt es, mit fast 70 Jahren in diesen glühend heißen ersten Schuttkegel einzusteigen. Das Training im Winter hat sich bezahlt gemacht! Ich bin nicht weit gekommen, schon habe ich die ersten eisentrauti-Gesänge gehört, eindeutig eisentrauti-Gesänge mit bis zu 7 Wiederholungen gleich kurzer Verse. Meist waren es 4, 5 oder 6, auch manchmal nur ganz wenige.
Die Tiere mal zu finden, war eine andere Geschichte. Aber schließlich habe ich bei der untersten Grasinsel ein ♂ lokalisieren und sogar fotografieren können. Es ist unvorstellbar, wie schwer das ist: Man muss ganz zu dem Tier in dem steilen, rutschenden Schutt hinunter, und dann noch ganz langsam möglichst knapp an das Tier heran, ohne dass es abspringt. Denn dann hat man verloren. Aber mir ist es so halbwegs gelungen. 
Die Tiere haben doch ein recht kräftiges Orange an Abdomen, Hinterschienen und Hinterschenkel. Ich hab das ♂ auch noch mit dem Netz fangen können und werde mich morgen noch eingehender mit ihm beschäftigen.
Hier bin ich noch näher rangekommen:
Nun hieß es weiter hinauf. Denn oben unter den Felswänden schien es noch bessere Habitate zu geben:
Man musste direkt zur Wand hoch und sich dann auf einem schwachen Wildwechsel nach links begeben. In den langgrasigen Bereichen rechts war nix, aber links davon in den schütteren kurzrasigen Zonen hörte man etliche eisentrautis. Vor allem waren doch einige Weibchen zu finden. Auch diese mit guter Orange-Ausstattung, wie dieses Exemplar, das mein Netz inspizierte:
Hier der optimale Habitatbereich:
♂♂ findet man viel weniger leicht, da sie unbemerkt wegspringen. Dieses Individuum mit noch mehr Orange, verfolgte ich länger, aber Bilder ließ es nicht zu. So habe ich ihn mit der Hand gefangen, wobei er ein Bein verlor. So sieht man gut das Subcostalfeld, das genau so leicht geschwungen ist wie bei allen Exemplaren an den mir vom Hochschwab bekannten Stellen, so auch von der Karlschütt an der Südseite.
Die einzigen Begleitarten dort oben sind Podisma pedestris und Psophus stridulus. Chorthippus biguttulus scheint auch hier im weiteren Umkreis zu fehlen, während der Ch. eisentrauti offensichtlich ganz eng auf diese schwer zugänglichen, heißen Geröllfelder mit schütterer, niedriger Vegetation eingenischt ist.
Nachdem ich bei einem Sturz fast meine sündteure Kamera zerstört hätte, reichte es mir, und ich stieg ab. Dabei noch dieses Foto von der unteren Fundstelle, knapp über dem Talwald. Fundstelle des ersten Tiers knapp unter dem oberen Baum in dem schmalen Grasstreifen. Sänger waren aber auch weiter unten in dem Streifen zu hören.
Die Begleitvegetation war ident mit den Hängen in Gschöder, auch der äußerst seltene Streifenfarn Asplenium fissum ist hier wieder zu finden. Nur wenige haben ihn je gesehen (wer plagt sich schon auf so einen Schuttkegel
).
Hier nun das gesamte Gelände von unten zu sehen:
Ich hoffe nun, dass die Entfernung von Gschöder reicht, um ein 2. Rasterfeld für den eisentrauti nördlich der Salza zu begründen.
Vom Tal erschließt sich auch ein schöner Blick ins Hölltal und zur 2006m hohen Hochweichsel. Dort hinten sollte es ebenfalls noch geeignete Schutthänge geben. Die würde ich gern jüngeren Kollegen überlassen
.
Beim Heimfahren habe ich noch eine tolle Überraschung erlebt: Starkregen direkt über Wildalpen! Ja, so was gibt es auch noch. Der Zauber war schnell vorbei und beim Eurospar in Purgstall empfingen mich stramme 37,5° bei fast wolkenlosem Himmel.
VG Wolfgang
RE: Chorthippus eisentrauti nördlich der Salza?
in Bestimmungsfragen 08.08.2026 22:23von Günther • 2.402 Beiträge
Lieber Wolfgang,
wieder mal eine toller Bericht und tolle Fotos! Herzliche Gratulation zu diesem neuen eisentrauti-Fundort und die Dokumentation! Ich weiß wohl, was es für eine Plackerei ist, in solchen Habitaten diese Art zu suchen, finden, fotografieren und fangen - und überhaupt, sich dort fortzubewegen. Und in der Realität ist das Begehen dann immer noch schwieriger, als es auf Lebensraumfotos ausschaut.. Die Funde hast Du Dir jedenfalls hart erarbeitet und umso redlicher verdient!
Darf ich fragen, welche Art von Training Du im Winter absolviert hast?
Viele Grüße,
Günther
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