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#1

Chorthippus eisentrauti nördlich der Salza?

in Bestimmungsfragen 09.08.2025 12:22
von WSW • 1.062 Beiträge

Hallo!

Ich habe ein Bestimmungsproblem.
Ich bin die letzten Jahre öfters durchs Salzatal zwischen Gusswerk und Palfau gefahren und da haben mich immer die beachtlichen Schuttfächer an der Salza bei Gschöder/Stmk. angelacht.

Gestern war es soweit: Ich hab mich bei Gschöder eingeparkt. Dort ist die einzige lokale Brücke, um an das Nordufer zu gelangen. Dort musste ich dann an die 2 km flussab marschieren, um an die wirklich guten Schutthalden zu gelangen. Landschaftlich ein Traum - leider gibt es dort 2 Störfaktoren: An Land ununterbrochen vorbeidonnernde Motorräder und in der Salza ebenso unentwegt vorbeischwimmende Kajakfahrer, wirklich schade um dieses wunderbare Flusstal!

Hier mal der erste Schuttfächer, um einen Eindruck zu gewinnen, wie das Habitat dort aussieht:



Die Schuttfächer ziehen sich hier so ca.1 km entlang der Salza dahin, es gibt aber auch im Raum Weichselboden ähnliche Fächer.

Hier ein Ausschnitt vom Talboden aus, damit man sich die Steilheit vorstellen kann:



Dann kam ich zu meinem "Wunschfächer", der direkt bis zum Fahrweg an der Salza herunterreicht:



Zu meiner Enttäuschung war es im Geröll am Fahrweg völlig still, keine Grashüpfergesänge. Natürlich war meine geheime Hoffnung Ch. eisentrauti, aber nichts dergleichen zu hören, nur die Geräusche von T. cantans und das Rauschen der Salza. Die Steigung des Schuttstroms war für mich extrem abweisend.

Nach kurzem Überlegen aufzugeben entschied ich, in der Waldzunge hinter dem Schuttfächer hochzusteigen. Zum Glück war da ein Weg zu einem Zugang zur Hochquellenwasserleitung, sodass ich bequem Höhe gewann und dann wieder nach rechts zum Schutt hinausqueren konnte.
Dort konnte man sich aber kaum weiterbewegen, jeder Schritt musste geplant und mühsam umgesetzt werden. So erreichte ich diese Stelle mit einem langen schmalen Vegetationsstreifen, wo Arten wie Teucrium montanum und Allium lusitanicum (vormals montanum) vorkommen.



Und da hörte ich dann biguttulus-artige Gesänge! Etwa 3 ♂♂ dürften es nach den unterschiedlichen Entfernungen gewesen sein.
Wie jetzt diese Tiere erreichen?? Ich kämpfte mich extrem mühsam über den Grasstreifen hoch. Schlauerweise hatte ich mein Netz mit. Ich versuchte, Grashüpfer aus dem Gras aufzuscheuchen und zu fangen. Man glaubt aber nicht, wie mühsam das auf dem groben Geröll ist. Der erste Kandidat ist natürlich entkommen, beim 2. Kandidaten konnte ich mit einiger Mühe und Glück zuschlagen.

Die Enttäuschung in der Hand war groß: Ein graubrauner Grashüpfer mit nur wenig Orange am Popsch - wohl biguttulus. Ich nahm den Burschen aber mit und stieg ab.

Erst im Schatten des Waldrands begutachtete ich diese grünen Horste im nackten Schotter: Das war doch tatsächlich der Schlitzblättrige Streifenfarn Asplenium fissum - sehr selten und nur in NÖ, OÖ und ST vorkommend. Früher potentiell gefährdet wegen Seltenheit, jetzt ungefährdet wegen nicht gefährdeter Standorte. Aber finden muss man den einmal. Ich kannte einen Standort, den mir wer in Weichselboden gezeigt hatte, für den Hans war das damals der "Pedasü-Farn", den Standort hatte er wohl von L. Schratt-Ehrendorfer. Wo er in NÖ vorkommt, weiß ich nicht.





Und hier mit den offenen Sporenträgern:



Zumindest doch was Seltenes gefunden.

Heute habe ich den Chorthippus nach Kühlschrankaufenthalt und kurzem Einschläfern im Gefrierfach auf der Terrasse fotografiert.

Hier noch etwas benommen, aber mit gut sichtbarem Subcostalfeld:



Eine Überraschung: Das Orange wirkt in dieser Position doch deutlicher, sogar die Hinterschenkel sind orange getönt. Und das Subcostalfeld weist zwar in der Mitte des Radius eine leichte Ausschwenkung auf, aber im Prinzip geht das Subcostalfeld mit weiter zunehmender Erweiterung nach außen, das wäre dann doch eisentrauti-mäßig!

Hier hat er sich schon erholt:



Ich bin mir aber nicht absolut sicher, da ich den Gesang nicht verifizieren konnte wegen der ständig brüllenden Motorräder. Seit dem Befund von Illich et al. ist ja der eisentrauti in den Nordalpen grundsätzlich gar nicht so selten an den passenden Habitaten. Wie ich dem Forum entnehme, wurde er inzwischen sogar schon von der Hohen Wand/NÖ gemeldet (ist das verifiziert?).

Aber jetzt würde es mal drum gehen, ob ich mich doch nicht umsonst auf diesen steilen Fächer hochgekämpft habe. Immerhin kann ich jetzt die Schilderungen von Toni Koschuh über die eisentrauti-Habitate nachvollziehen...

Vom Habitat her müsste es ja viel besser für eisentrauti als für biguttulus passen. Auf diese Fächer brennt mit 90° die Nachmittagssonne hinein und die entsprechenden Pflanzen kommen daher auch vor. Ein halbes Jahr dürften aber die Hochschwabgipfel das Gelände beschatten.

VG Wolfgang


zuletzt bearbeitet 09.08.2025 12:28 | nach oben springen

#2

RE: Chorthippus eisentrauti nördlich der Salza?

in Bestimmungsfragen 11.08.2025 07:25
von WSW • 1.062 Beiträge

Inzwischen konnte ich den Grashüpfer vermessen. Zwar nur mit dem Lineal, was natürlich furchtbar unpräzise ist, aber es liefert doch klare Anhaltspunkte, wie das Tier einzuordnen ist.

Beim Flügelmerkmal komme ich auf eine Länge von gut 13,5 mm, was sehr gut im Bereich von "Ch. eisentrauti Nord" sensu Illich et al. liegt, wobei aber dieses Merkmal einen hohen Überlappungsgrad bei den verschiedenen untersuchten Taxa hat.

Bei der Kopfkapselbreite wird es angesichts der geringen Dimension mit dem Lineal sehr schwer und unpräzise, aber ich komme auf knapp 3mm, sicher nicht 2,5. Das würde perfekt für Ch. eisentrauti passen, bei geringem Überlappungsgrad zu biguttulus in diesem Merkmal.

Beim Verhältnis von Costalfeldbreite zu Subcostalfeldbreite wird es interessant. Illich et al. vermessen an "der breitesten Stelle des Flügels", ich finde es aber besser, an der breitesten Stelle der beiden fraglichen Felder zu messen, was nicht unbedingt dasselbe ist. Aber man kommt damit sicher bei jedem Tier zu der Stelle in der Mitte des Subcostalfeldes, wo es eigentlich für die Vermessung entscheidend ist, nämlich wo das Subcostalfeld beim biguttulus die Verbreiterung hat. Hier hatte mein Tier einen extremen Wert, der in Richtung brunneus geht, was er aber sicher nicht ist. Man sieht schon mit freiem Auge, dass das Subcostalfeld gerade bei dem Grashüpfer dort noch sehr schmal ist, das Costalfeld hingegen auffallend breit. Dadurch ergibt sich ein hoher Wert von deutlich über 2. Aber auch dieser Wert liegt noch im 90%-Bereich der untersuchten Ch. eisentrauti Nord-Population bei Illich et al. und weit weg von Ch. biguttulus!

Wenn man jetzt noch in Rechnung zieht, dass laut der Arbeit von Illich et al. auf derartigen Extremhabitaten in den Nordalpen eigentlich nur eisentrauti in inselartigen Reliktpopulationen vorkommen kann und biguttulus nicht, dann ist der Fall eigentlich klar: eisentrauti!

Das Färbungsmerkmal, bei dem der fragliche Chorthippus nicht ganz so überzeugend ist (aber immerhin hat er orange überhauchte Hinterschenkel und ebensolche Schienen), muss da als ohnehin "weiches" Merkmal zurücktreten. Auch an anderen Standorten, wo ich eisentrauti gesehen habe (Dobratsch, Tremalzo, Hochschwab-Südseite), hat es schwächer gefärbte Exemplare gegeben.

Zur Absicherung habe ich auch noch an Bildern von einem biguttulus aus meinem Garten und von dem knallroten eisentrauti von der Karlschütt an der Hochschwab-Südseite vermessen (Kopfkapsel und Flügellänge war da nicht möglich). Beide lieferten jeweils für ihre Art gut passende Werte.

Ergänzend wäre zu sagen, dass das Habitat an der Salza in SSW-Exposition liegt, also maximale Einstrahlung in den frühen Nachmittagsstunden erhält. Der konkrete Fundort liegt in 663m Höhe, die Fundmöglichkeiten reichen dort aber sicher noch um einiges weiter hinauf.


zuletzt bearbeitet 11.08.2025 16:42 | nach oben springen

#3

RE: Chorthippus eisentrauti nördlich der Salza?

in Bestimmungsfragen 11.08.2025 13:23
von WSW • 1.062 Beiträge

Jetzt noch Vergleichsmaterial aus meinem Garten: einer von nur 2 singenden biguttulus. Ich konnte ihn ohne irgendeinen Trick nur durch Anpirschen auf Anhieb fotografieren
Allerdings hat der Blitz nicht ausgelöst, daher war massives Aufhellen nötig mit entsprechendem Verrauschungseffekt. Aber für den Zweck reicht's.

Es ist ein klassischer biguttulus: Farbschwach, mit deutlich aufgeweitetem Subcostalfeld. Beide Begrenzungsadern schwingen aus, somit auch die Subcostalader auf Kosten des Costalfelds. Daher ergibt der Adern-Quotient biguttulus-typische 1,47. Den Salza-Chorthippus hab ich jetzt noch einmal vermessen: Sagenhafte 2,38. Das sagt eigentlich alles

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#4

RE: Chorthippus eisentrauti nördlich der Salza?

in Bestimmungsfragen 14.08.2025 15:01
von Günther • 2.402 Beiträge

Hallo Wolfgang,

super, wie penibel Du das machst (trotz Lineals;). Wie Dir, sind mir bei dem manchmal auch nicht ganz so knallige Tiere aufgefallen. Dieses Phänomen gibt es ja auch beim Ch. mollis ignifer, bei dem man - wenngleich selten - manchmal auch Tiere ohne jegliche Rotfärbung sieht (die schauen trotzdem irgendwie eigen aus und nicht so wie unsere mollis mollis).

Rein vom optischen Eindruck her ist die Aderung bei Deinem Tier vielleicht nicht ganz so extrem wie zB bei Tieren aus Salzburg, die wirklich nicht die geringste Aufweitung des Subcostalfeldes zeigen (kenne die aber bísher nur von Fotos). Mich erinnert es daher ein bissl an die Exemplare vom Dobratsch, die bei diesem Merkmal ja auch nicht absolut und zu 100 % eisentrautoid sind. Wenn ich mich richtig erinnere, haben Hawlitschek et al. bei den Dobratsch-Tieren biguttulus-Introgression festgestellt - vielleicht ist das ja bei der Salza-Population auch so. Schade, dass die Gesänge übertönt wurden.

Bzgl. Hohe Wand: Thomas hat mir glaub ich mal erzählt, dass Inge ihn dort ebenfalls bereits hatte, und Mario hat ihn dort heuer auch gefunden. Wenn Du auf iNaturalist nach eisentrauti und Niederösterreich suchst, siehst Du seine Fotos.

LG,
Günther


zuletzt bearbeitet 14.08.2025 15:05 | nach oben springen

#5

RE: Chorthippus eisentrauti nördlich der Salza?

in Bestimmungsfragen 15.08.2025 00:44
von WSW • 1.062 Beiträge

Danke, Günther, für deinen input.

Ich hab mir auf inaturalist heute etliche Bilder angesehen. Ziemlich verwirrend das Ganze. Viele Fotografen haben unzureichende Bilder eingestellt. Gerade beim eisentrauti braucht man sehr gute Bilder genau von der Seite und das Subcostalfeld muss frei sichtbar sein.
Vermutlich sind aber die meisten dort gemeldeten Tiere tatsächlich eisentrauti, weil sie in entsprechenden Habitaten gemacht wurden.

Bezüglich der Merkmale ist die Vielfalt zwischen Meeralpen und Hoher Wand enorm. Es gibt z.B. schwach gefärbte Männchen mit typischem eisentrauti-Subcostalfeld. Und beim Subcostalfeld gibt es die verschiedensten Varianten, mit leichter Welle im Radius wie beim Salza-Chorthippus, ganz ohne Welle gleichmäßig auseinanderlaufend oder auch über fast die gesamte Länge ganz schmal und am Ende plötzlich weit auseinanderlaufend. Die Tiere von der Hohen Wand, die ich gefunden habe, waren nicht ohne weiteres bestimmbar, sahen aber von der Färbung her sehr gut aus.

Ich meine, dass die geringe Welle bei meinem Tier letztlich ohne Belang ist und im Bereich der individuellen Variation liegt, die es sicher auch beim SC-Feld des eisentrauti gibt. Auch können lokale Populationen diese Welle haben und andere nicht. Die geringe Welle entsteht eigentlich nur dadurch, dass eine einzige Zelle in der Mitte des Feldes oben waagrecht, also ohne Steigung, abgegrenzt ist. Danach beginnt der Radius eh wieder leicht zu steigen. Entscheidend sollte sein, ob die bei Illich et al. angeführten Merkmale erfüllt werden. Wie der Radius verlaufen soll, wird dort gar nicht angeführt. Wichtig wäre meines Erachtens, dass das SC-Feld sukzessive auseinanderläuft und gegen Ende am breitesten ist. Das bewirkt dann auch die entsprechenden Relationswerte der beiden Felder (C : SC)

Auf irgendwas muss man sich für die Bestimmung am Ende ja festlegen, man kann nicht bei allen Funden die DNA anschauen. Die Vermessung mit dem Lineal hat übrigens bei dem Relationswert sehr gut funktioniert, da man dabei voll in das Bild am Monitor hineinzoomen kann. Somit wird bei diesem Wert die Messung mit dem Lineal auch sehr genau. Eigentlich kannn man diese Relation ja sogar bereits mit freiem Auge am Monitor einschätzen und somit den deutlichen Unterschied zwischen biguttulus und typischem eisentrauti sehen.
Bei den beiden anderen Werten muss man Absolutmessungen am Tier machen, was speziell bei der Kopfkapselbreite natürlich schon problematisch ist.

Am liebsten würde ich gleich noch einmal hinfahren und noch ein paar Tiere sammeln bzw. fotografieren, um eine größere Stichprobe zu haben. Auch den Gesang würde ich gerne studieren. Ist halt leider doch sehr weit weg. Und eigentlich ist dort, gleich nach Überqueren der Salzabrücke, für das gesamte Gebiet ein Wegegebot ausgeschildert. Man dürfte eigentlich die Schuttströme gar nicht betreten...
Ich habe übrigens herunten in den Talwiesen gar keine Grashüpfer und damit auch keine biguttulusse vernommen, nicht einmal am untersten Ende des Schuttstroms. Nur einige wenige sangen direkt im eisentrauti-Habitat. Da war kurz einmal eine Phase ohne Motorradlärm, in der ich mich aber darauf konzentriert hab, nicht abzurutschen.

Hab jetzt noch ein Bild im Morgenlicht bearbeitet, wo man sieht, dass die Färbung für einen eisentrauti jetzt nicht gerade supertoll ist, aber für einen biguttulus wäre sie wiederum sehr überdurchschnittlich.

VG Wolfgang


zuletzt bearbeitet 15.08.2025 00:44 | nach oben springen

#6

RE: Chorthippus eisentrauti nördlich der Salza?

in Bestimmungsfragen 19.08.2025 11:19
von Thomas Z-K • 744 Beiträge

Lieber Wolfgang!
Vielen Dank für Deine gewohnt ausführliche und mitreißende Dokumentation dieser Expedition! Für mich klingt Deine Schlussfolgerung auch sehr plausibel und ein weiterer Mosaikstein zum Verständnis dieser spannenden Art, die sich durch ihre spezielle Lebensraumwahl über Jahrzehnte erfolgreich der Aufmerksamkeit der meisten Heuschreckenfans entzogen hat. Vielleicht lässt sich dieser Standort nochmal bei mehr Stille auch gesanglich bestätigen.
Alles Gute! Thomas

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#7

RE: Chorthippus eisentrauti nördlich der Salza?

in Bestimmungsfragen 27.08.2025 08:52
von WSW • 1.062 Beiträge

Da letztlich doch zwischen den Zeilen leise Zweifel deutlich wurden, die mich selber auch schon ein wenig verunsicherten, hab ich mich gestern doch noch einmal zu einer Salzarunde aufgemacht. Es wurde ein sehr schöner Exkursionstag mit beachtlichen Ergebnissen, was den Aufwand schlussendlich gerechtfertigt hat.

Begonnen hat es mit einem Zwischenstopp im Raum Grubberg zwischen Gaming und Lunz, wo ich endlich mal ein Vorkommen des Kranzenzian-Ameisenbläulings in einer Wiese nachweisen konnte. Die verordnete Weide-Mania hat in den Rand- und Voralpen in den letzten Jahren dazu geführt, dass viele Mähwiesen in extrem überbeweidete Rinderweiden umgewandelt wurden. Die Bestände des Kranzenzians Gentianella sp. und mit ihm die Vorkommen des Ameisenbläulings brechen im Moment gerade katastrophal weg. Aber das ist eine andere Geschichte.



Man sieht hier sogar, dass einige Räupchen schon geschlüpft sind und sich ins Innere der Blüten gefressen haben. Auch hier ist es aber nur ein randständiger Bereich in der Wiese auf schlecht mähbaren Steilstufen, und es wird vom Glück abhängen, ob diese paar Enziane jetzt nicht auch noch bei der Herbstmahd dran glauben müssen mitsamt den Raupen.

Dann ging es weiter nach Gschöder im Salzatal. Bei der Salzabrücke sah ich am Fahrweg dieses merkwürdige Exemplar und dachte schon, es sei eine P. grisea. Es kann aber nur ein makropteres ♀ von M. brachyptera sein.



Bei den Schuttströmen sondierte ich mal, ob in dem feudalen Jagdhaus eh niemand daheim ist, und stieg dann gleich daneben in den großen Schuttstrom direkt von unten her ein. In den unteren Randzonen sichtete ich zunächst einmal nur G. rufus und überraschend niedrig M. alpina. Ich musste mich also über den potentiellen Schattenraum der alten Fichten an der Hangbasis emporarbeiten. Dort wurde es interessant und ich sichtete den ersten Ch. eisentrauti!

Ich versuchte diesmal, in situ-Bilder zu schießen, was mir auch gelang. Es ist schwer vorstellbar, was es heißt, dort oben diese Bilder zu knipsen. Stand einrichten, Objektivwechsel, vorsichtigst das Tier anvisieren - und das in diesem losen Geröll mit der absurden Hangneigung. Die erste Chance muss sitzen, denn verfolgen kann man die Tiere dort kaum.



Dieser: eigentlich ein klassischer eisentrauti mit ordentlich Rot am Abdomen, weit nach vorne reichend, roten Hinterschienen und rot getönten Hinterschenkeln.
Gleichzeitig hörte ich erste Gesänge, eher mehr lispelnd, klingelnd, nicht so laut rasselnd-scheppernd, wie bei den typischen Garten-biguttulus. Allerdings waren die Tiere nicht sehr sangesfreudig, brachten oft nur einen oder zwei Verse, um wieder zu verstummen oder mit Abstand noch einzelne Verse "nachzuschießen". Erster Vers nicht länger als der zweite. Es hatte nur 19°, es herrschte leichter Wind und die Jahreszeit war fortgeschritten. Vollgesang war daher kaum zu hören.

Ich fing diesen eisentrauti ein und nahm ihn mit. Subcostalfeld ähnlich ausgebildet wie bei dem Exemplar vom letzten Mal. Verhältniswert sehr hoch, weit über biguttulus.



Ich fand auch 2 ♀♀. Eines konnte ich fotografieren. Ausgeprägte Rottöne auf der Abdomenoberseite, rote Hinterschienen - passt perfekt für eisentrauti.



Nun machte ich mich daran, Habitatbilder zu schießen.
Hier mal das Habitat, wo ich Tier 1 fand. Sie halten sich gern in diesen ganz schütteren Bereichen auf, weniger in den geschlossenen Grasbeständen. Nicht selten findet man ♂♂ in einzelnen kleinen Silene vulgaris-Büscheln.



Ein Blick nach links hinüber bis zu dem Schuttstrom vom letzten Mal:



Ein Blick hinunter - da habe ich mich mehr oder weniger in der Direttissima hochgearbeitet:



Insgesamt habe ich an dieser Stelle etwa 4♂♂ und 2♀♀ beobachtet. Die Dichte dürfte auf Grund des kargen Habitats recht gering sein, und einige werden jetzt schon gestorben sein. Die beiden nächsten hatten z.B. nur mehr 1 Hinterbein. Sie waren etwas weniger bunt wie der erste, aber das Subcostalfeld und der Relationswert waren sehr ähnlich.



Ich stieg nun ab. Die Fundstelle von unten gesehen - ich bin bis knapp über Bildmitte gekommen. Ich wollte sogar weiter hoch steigen, bemerkte dann aber, dass man mich dort vom Forsthaus Gschöder aus sehen könnte (Wegegebot ).



Nun durchsuchte ich die fetten Talwiesen und Schotterwege intensiv nach etwaigen Ch. biguttulus - ohne jeden Erfolg. Die scheint es in Gschöder nicht zu geben.

Zuletzt habe ich mir noch den unteren Teil des letztmaligen Schuttstroms angesehen:



Ich bin da sehr mühsam mit Hilfe eines Knüttels hochgekraxelt und habe schließlich fast ganz unten doch ein ♂ aus einem Silene vulgaris-Büschel gescheucht. Es war biguttulus-mäßig gefärbt, aber mit genau demselben Subcostalfeld wie die anderen. Auch dieses Tier habe ich mitgenommen.





Ich bleibe dabei. Auf Grund des Verhältniswerts der Flügelfelder, teilweise auch der Färbung, der Klangfarbe des Gesangs sowie vor allem des speziellen Habitats, wo im Kernbereich keine andere Art leben kann, muss es Chorthippus eisentrauti sein. Introgression von biguttulus bleibt Spekulation, kann ich nicht überprüfen. Vor Ort kommen keine biguttulus vor. Farbe ist natürlich immer ein weiches Merkmal und es kann immmer abweichende Tiere geben.

Zu erwähnen noch: Gestern in Gschöder kein einziger Kajakfahrer und viel weniger Motorradfahrer - es war dieses tolle Tal einmal richtig zu genießen!
So bin ich dann noch ein Stück weiter und nach Jahren wieder mal ins Brunntal am Fuß der Riegerin gewandert. Die Kreuzenziane sind beim Brunnsee verschwunden und mit ihnen die Enzian-Ameisenbläulinge.

Der Schuttstrom im Tal sah recht unverändert aus und so konnte ich auch die passenden Heuschrecken wiederfinden. Psophus stridulus und Podisma pedestris:



Und auch den wahren Spezialisten:



Ich konnte jetzt Ende August noch 1♂ und 3♀♀ von Chorthippus pullus auftreiben, sie sind noch dort, trotz der Geschiebesperren, die hoffentlich bald einmal ganz vermorschen.



In solchen Habitaten ist auch nach wie vor Cicindela hybrida häufig:



Und damit schließe ich zumindest für heuer einmal das Kapitel Salzatal

VG Wolfgang


zuletzt bearbeitet 27.08.2025 09:00 | nach oben springen

#8

RE: Chorthippus eisentrauti nördlich der Salza?

in Bestimmungsfragen 27.08.2025 16:04
von WSW • 1.062 Beiträge

Neues zum Gesang: Ich habe die Tiere in einen transparenten Kübel mit Donausand gesetzt und Triebe mit Knospen von Silene vulgaris aus meinem Garten gegeben, die selektiv gefressen werden.

Das farbschwache ♂ ist sehr aktiv und hat auch bald zu stridulieren begonnen. Einmal waren es 1, 3mal 2 und 1x3 Verse pro Strophe, also sehr wenig und eher passend für biguttulus. Allerdings waren die Verse kurz (ca. 1sec) und alle etwa gleich lang, in dieser Hinsicht passend für eisentrauti. Ich glaube nicht, dass es schon Vollgesang war, das ♀ wurde nicht angebalzt.

Zum Vergleich habe ich die Ch. biguttulus in meinem Garten belauscht. Diese brachten meist 3 Verse, wobei der erste fast immer sehr lang war (2-3 sec)

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#9

RE: Chorthippus eisentrauti nördlich der Salza?

in Bestimmungsfragen 28.08.2025 15:59
von WSW • 1.062 Beiträge

Die beiden ♂♂ konnten nun vermessen werden. Interessant ist schon einmal die Gesamtlänge. Die Schweizer geben für eisentrauti♂♂ eine Gesamtlänge bis maximal 18mm an, für biguttulus hingegen nur 16mm. Ich messe bei beiden ♂♂ ca. 18mm, bei einem biguttulus♂ aus dem Garten hingegen 15,5mm.

Die Flügellänge beträgt bei beiden ♂♂ 13,5mm, das Verhältnis der Flügelfelder liegt jeweils im hohen Bereich von eisentrauti bei 1,9xx bzw. über 2, weit entfernt von biguttulus. Die Kopfkapsel des heute gemessenen Tiers beträgt wieder knapp 3mm.
Ein eben jetzt noch gefangenes 2. Tier von biguttulus erreicht sogar 16mm Gesamtlänge (bleibt aber immer noch klar unter den Salza-eisentrautis, der biguttulus ist eben einfach kleiner), knapp über 13mm Flügellänge, C:SC = 1,64 und Kopfkapsel ca. 2,5mm.

Und was mir jetzt beim Betrachten einiger eisentrautis und biguttulussen aufgefallen ist: Das Präcostalfeld zieht sich beim eisentrauti nach der deutlichen Erweiterung noch lang und relativ weit und breit nach hinten, während es bei den Garten-biguttulus relativ kurz nach der Erweiterung schon in die Costa einmündet!
Sollte man noch an anderen Populationen überprüfen (gemachte gute Bilder sollten da auch schon reichen), aber da könnte man sich dann den ganzen Firlefanz mit Abmessen etc. schenken .



Bedeutet: Die morphometrischen Maße der Tiere entsprechen durchwegs eisentrauti, ebenso die Länge und Klangfarbe der Gesangsverse sowie das besiedelte extreme Habitat, wo im Kernbereich nur diese Heuschreckenart vorkommt. Farblich sind die Tiere der Salza-Population durchschnittlich bunter als biguttulus, aber nicht so bunt, wie man es von eisentrauti vielleicht erwarten würde, wobei Einzeltiere auch gar nicht bunt sein können. Da aber Farbmerkmale ohnehin klar hinter morphologischen Merkmalen zu reihen sind: für mich klare eisentrauti!

Ich habe allerdings noch nie beim Heuschreckenbestimmen einen derartigen Aufwand wie diesmal betrieben....

VG Wolfgang

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#10

RE: Chorthippus eisentrauti nördlich der Salza?

in Bestimmungsfragen 28.08.2025 22:53
von Günther • 2.402 Beiträge

Toll, Wolfgang! Es gibt somit eigentlich keinen Grund mehr, die Tiere nicht als eisentrautis zu melden - es scheint ja alles von vorne bis hinten zu passen und kein Zweifel zu bestehen! Ich freue mich auf den neuen Punkt in den nächstjährigen Arbeitskarten! - und wer weiß, wo der in den nächsten Jahren noch überall auftauchen wird..!

LG,
Günther

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